In der Höhle des Bären

Wo bleibt mein Stativ? Diese Frage stelle ich zum wiederholten Male der Air Canada Angestellten am Gepäck Ausgabe Schalter. Das Gepäckstück war anscheinend nicht an Bord des kurzen Fluges von Toronto nach North Bay in der kanadischen Provinz Ontario. Also schiebe ich nur die Kiste mit meiner Filmkamera und einem kleinen Rucksack nach draußen wo Paul Stone ein Mitarbeiter  des Ministry of Natural Resources auf mich wartet.

Ich bin verabredet mit seinem Chef, Dr. George Kolenowsky, um einen Teil seiner Arbeit mit Schwarzbären zu dokumentieren. Es ist Anfang April kurz vor Mitternacht und bitter kalt. Nach circa einer halben Stunde hält der Pick up an einer Stelle im Wald wo ein Snowmobile auch Skidoo genannt, nebst angehängtem Hundeschlitten parkt. Wir zurren die Kamerakiste und den Rucksack auf dem Schlitten fest und ich stelle mich hinten drauf und halte mich mit beiden Händen an den vorhandenen Griffen fest. Und los geht die Fahrt durch den dunklen tief verschneiten Wald. Wie ein Finger sucht der Scheinwerfer des Snowmobiles den Weg durch die nächtliche Wildnis. Stehend auf dem Schlitten werde ich ganz schön durch geschaukelt. Über meiner Jeans trage ich einen Skianzug und eine dicke Daunenjacke. Die Hände schützen gefütterte Fausthandschuhe. Aus Sicherheitsgründen trage ich über meiner Mütze einen Schutzhelm . Nach einer Viertelstunde spüre ich wie der eisige Fahrtwind trotz Mütze und Helm meine Ohren erreicht. Der Schmerz wird unerträglich doch ich habe keine Möglichkeit auf meine Situation aufmerksam zu machen und wir haben noch mindestens eine halbe Stunde bis wir die wärmende Blockhütte erreichen.

In höchster Not fallen mir zwei Taschentücher ein, vergraben in den Taschen meiner Jeans.

Mit großer Anstrengung gelingt es mir Sie durch die Daunenjacke und den Ski Anzug nach draußen zu befördern und sie zwischen Helm und Ohren zu stopfen und das ganze stehend auf einem schlindernden hüpfenden Schlitten. Den Gedanken wenn ich bei einem Sturz allein einem Wolfsrudel gegenübergestanden hätte schiebe ich bald an die Seite. Gegen 1:00 Uhr nachts taucht ein Lichtschein zwischen den Bäumen auf. Wir haben das Blockhaus erreicht. Der Holzofen verstrahlt eine wohlige Wärme und nach einem Tee geht es auf die Matratze.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück geht es los. Drei Motorschlitten dröhnen donnernd über den zugefrorenen See, circa 50 km nördlich von North Bay.

Wir verlangsamen die Fahrt und halten an einer ans Seeufer grenzenden Böschung. Die tragbare Antenne wird gespreizt und an den Empfänger angeschlossen. Dr. George  Kolenosky, der Projektleiter, bahnt sich mit der Antenne einen Weg durch das Unterholz. "Hier ist es ". Ich folge seine Spuren und stehe kurz darauf neben ihm.

Vor uns ist eine faustgroße Öffnung in der Schneedecke zu erkennen. Vor fünf Jahren wurden 20 Schwarzbären in diesem Gebiet mit Radiosendern versehen, und sie werden seitdem alljährlich von den Wissenschaftlern vor und nach der Winterruhe gemessen und gewogen.

Vorsichtig wird die Öffnung vergrößert. Mit einer Taschenlampe leuchtet Dr. Kolenosky in die Höhle "Es ist eine Bärin mit circa sechs Wochen alten Jungen." Die Betäubungsspritze wird vorbereitet. Mit der Spritze, befestigt am Ende eines Astes, nähert sich der Wissenschaftler dem Höhleneingang. Vorsichtig injiziert er das Betäubungsmittel in das schlafende Tier. Wir warten rund 10 min dann wird der Eingang vergrößert.

Um die Bärin herauszuziehen, kriecht Dr. Kolenosky in die Höhle, packt die Pranken des Tieres und wird von uns zusammen mit der Bärin aus der Höhle gezerrt. Anschließend reicht er die drei Jungen heraus. Sie werden auf Ihrem allgemeinen Gesundheitszustand untersucht, gemessen und gewogen. Die Daten werden sorgfältig auf ein Computerblatt übertragen.

Das Gewicht der Bärin zu ermitteln, ist wesentlich umständlicher. In der Mitte eines abgesägten Baumstammes wird eine Waage befestigt. Der Bärin werden die Pranken zusammengebunden, und der Haken der Waage wirkt durch eine Schlinge des Seiles gesteckt. Zwei Mann wuchten den Bären hoch und halten den Stamm solange, bis das exakte Gewicht abgelesen werden kann.

Anschließend werden die Bärin und die Jungen wieder in die Höhle zurück getragen der Eingang wird sorgfältig mit Tannenzweigen und Schneeblöcken verschlossen, da in der Vergangenheit bei solchen Gelegenheiten Bären von ihren Artgenossen aufgespürt und getötet wurden. Es ist sogar ein Fall bekannt, indem eine Bärin mit ihren Jungen in ihrer unzureichend geschützten Höhle ein Opfer von Wölfen wurde.

Die Bärin wird nach ein paar Stunden wieder aufwachen, sich in der Höhle zurecht legen und

weiterruhen. Auch wenn Schwarzbären monatelang ruhen, ohne Nahrung aufzunehmen, ohne sich zu lösen oder zu nässen, sind sie keine echten Winterschläfer.

Im Gegensatz zur Präriehunden oder Erdhörnchen verringert sich ihre Körpertemperatur auf ungefähr 30 Grad – kaum 5 Grad unter ihrer Sommertemperatur, und sie können bei Gefahr wesentlich schneller reagieren als ein Winterschläfer. Während der Winterruhe verlieren die Bären zwischen 15 und 35 Prozent ihres Körpergewichtes, säugende Bärinnen und solche die im Winter kurzfristig ihre Höhlen verlassen, sogar bis zu vierzig Prozent.

Der Gewichtsverlust hält auch nach Beendigung der Winterruhe für weitere 2-3 Monate an, bis das Nahrungsangebot Ende Juni entsprechend zunimmt.

Die Jungen, in der Regel zwei oder drei, werden Ende Januar gesetzt. Sie halten keinen Winterschlaf, sondern sie schlafen und säugen abwechselnd - eingebettet in die warme behaarte Unterseite ihrer Mutter - bis sie ihr Winterlager verlassen. Beim Setzen beträgt ihr Gewicht circa 200-300 g. Dies entspricht dem 200. Teil des Körpergewichts ihrer Mutter. Bärenmilch hat jedoch höhere Fett-und Proteinwerte als Mutter-oder Kuhmilch. Nach acht Wochen liegt das Gewicht der Jungen schon zwischen zwei und vier kg.

Während der Winterruhe häuten sich die schwieligen Fußballen der Bären. Dieser Vorgang beginnt oftmals bereits Mitte November und ist meistens Ende März abgeschlossen.

Viele Bären legen nach Verlassen ihres Winterlagers anfänglich kaum größere Entfernungen zurück. Man für dieses unter anderem auf die neue zarte, empfindliche Haut unter den Pranken zurück. Nur Bärinnen mit Jungen bleiben für einige Zeit in unmittelbarer Nähe ihres Winterlagers. Die Familie benutzt die Höhle rund zwei Wochen bis sie weiterzieht und nie wieder zu ihr zurückkehrt.

Die Jungen folgen ihrer Mutter ungefähr 16 Monate, bevor sie von ihr, meistens zu Beginn der Bärzeit, davon gejagt werden. Obwohl Schwarzbären ihr Winterlager vom letzten Jahr nicht noch einmal benutzen, befinden sich die neu gegrabenen Höhlen oftmals in derselben Gegend und ähneln von der Anlage her denen des Vorjahres.

Die meisten Bären schlagen sich zwischen Mitte Oktober und Anfang November in ihren Winterhöhlen ein. Bärinnen mit einer Jungen sind die ersten, die sich zur Ruhe begeben. Es folgen solche ohne Junge, und ganz zum Schluss graben sich die männlichen Bären ein.

Schwarzbären legen ihre Höhlen gern an Böschungen oder an Vertiefungen unter Büschen und umgestürzten Bäumen an. Falls vorhanden, suchen sie auch Felsnischen oder hohle Baumstämme für ihre Winterruhe auf. Die Höhleneingänge sind gerade so groß, dass sich die Bären hindurch zwängen können. In Wintern mit wenig Schnee liegen die Eingänge offen, und die Temperaturen erreichen dann nicht selten Werte bis -40°. Fällt viel Schnee, sind die Eingänge zugeschneit, und die Temperaturen in ihrem Inneren liegen nur wenige Grad unter Null. Dies lässt darauf schließen, dass die Winterlager eher dem Schutz vor Wind und Regen dienen als vor Kälte.

Zunehmende Niederschlagsneigung, niedrigere Tageshöchsttemperaturen und höhere nächtliche Tiefstwerte, vielfach in Zusammenhang mit einem vorüberziehenden Tiefdruckgebiet, veanlassen viele Bären ihrer Höhle aufzusuchen. Außerdem spielt das Nahrungsangebot eine bedeutende Rolle. Ist es relativ gering, begeben die Bären sich frühzeitig zu Winterruhe. Ist dagegen in den Herbstmonaten der Tisch reichlich gedeckt, kann sich der Rückzug in ihre Winterhöhlen um mehrere Wochen hinauszögern.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Bären, wenn sie während der Winterruhe ihrer Feistvorräte abbauen, doppelt so hohe Cholesterinwerte haben als im Sommer und als normalerweise der Mensch. Trotzdem verkalken ihre Arterien nicht. Außerdem bilden sich bei Bären keine Gallensteine. Sie erzeugen in den Wintermonaten eine Flüssigkeit, die dieses verhindert und die auch bei Menschen Gallensteine auflösen kann. Weiterhin werden Bären nicht von Harnstoff vergiftet, wenn sie monatelang nicht nässen, da er aufgelöst und der darin enthaltene Stickstoff wieder zur Eiweißsynthese verwertet wird. Durch diese Fähigkeit, Eiweiß aus anderen Verbindungen aufzubauen, können die Bären allein von ihren Feistreserven leben, und andere Körpersubstanzen sowie Muskel- und Organgewebe werden nicht angegriffen.

Amerikanische Wissenschaftler haben einen hormonähnlichen Stoff nachgewiesen, der die Vorgänge im Körper überwinternder Schwarzbären steuert. Wird dieser Stoff anderen Tierarten, auch solchen, die keinen Winterschlaf halten injiziert, zeigen sie ähnliche Erscheinungen wie die winterruhenden Schwarzbären.

Von den drei in Nordamerika lebenden Bärenarten hat der Schwarzbär (ursus amerikanus) sich am besten bei der Beschneidung seines Lebensraumes durch den Menschen angepasst.

Die Situation der Grizzly- und Eisbären behandeln wir in weiteren Kapiteln.


Auf der Suche nach den Bärenhöhlen

Auf der Suche nach den Bärenhöhlen - Skidoo mit Schlitten

Minute der Wahrheit - Hat die Betäubung gewirkt?

Sie hat - Der betäubte Bär wird aus der Höhle gezogen

Bei der Arbeit - Kameramann und Biologe

Bärenträume

Der Bär wird gewogen und...

...untersucht

Bärenjunges ca. 4 Monate alt

Bärenjunge - Hoffentlich schläft ihre Mutter noch...

Rückfahrt - diesmal bei Tageslicht und "warmen Ohren"...